Daphnis et Chloé
Jahr: 1913
Komponist:Maurice Ravel
Der Beginn eines neuen Tages lässt sich kaum mit Worten beschreiben. Maurice Ravel findet dafür eine musikalische Sprache, die fast ohne erzählerische Mittel auskommt. In der zweiten Suite aus *Daphnis et Chloé* erwacht die Musik ganz allmählich. Zunächst ist kaum mehr als ein zarter Klangraum wahrzunehmen, dann treten erste Vogelstimmen hervor, Wasser scheint in der Ferne zu fliessen und immer neue Klangfarben mischen sich darunter. Die Musik gewinnt langsam an Helligkeit, Bewegung und Intensität, bis schliesslich die ganze Landschaft im Licht des anbrechenden Tages zu stehen scheint. Ursprünglich gehört diese Musik zu Ravels Ballett *Daphnis et Chloé*, das auf Initiative von Sergej Diaghilew für die Ballets Russes entstand. Im Zentrum steht eine antike Liebesgeschichte: Daphnis und Chloé verlieben sich ineinander, werden voneinander getrennt und müssen verschiedene Gefahren überwinden, bevor sie am Ende wieder zueinanderfinden. Für die zweite Suite griff Ravel auf das gesamte Schlussbild des Balletts zurück. Drei musikalische Szenen gehen dabei nahtlos ineinander über: *Lever du jour*, *Pantomime* und *Danse générale*. Mit dem Sonnenaufgang verändert sich auch die Handlung. In der Pantomime stellen Daphnis und Chloé die Geschichte von Pan und der Nymphe Syrinx dar. Die Flöte erhält in diesem Abschnitt eine besonders prägnante Rolle und trägt wesentlich zum erzählerischen Charakter der Szene bei. Danach wandelt sich die Atmosphäre erneut: Mit der *Danse générale* setzt ein gemeinsamer, rauschhafter Tanz ein. Der ungewöhnliche 5/4-Takt verleiht der Bewegung dabei einen besonderen Schwung, der sich im Verlauf immer stärker steigert. Ravel gestaltet diese Musik weniger wie eine traditionelle Erzählung als wie ein Spiel mit Farben, Licht und Bewegung. Instrumente erscheinen für einen Moment deutlich aus dem Klangbild, treten wieder zurück und machen anderen Stimmen Platz. Die orchestralen Flächen verändern sich ständig und lassen immer neue Eindrücke entstehen – ähnlich einer Landschaft, die sich mit dem wechselnden Licht verändert. So führt die Musik von der fast völligen Ruhe des frühen Morgens über die ersten Lebenszeichen der erwachenden Natur bis hin zu einem überwältigenden gemeinsamen Tanz. Was zunächst als kaum wahrnehmbarer Klang beginnt, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einem immer intensiveren musikalischen Sog. Der Tagesanbruch wird dadurch nicht einfach beschrieben, sondern unmittelbar hör- und erlebbar: Aus Stille wird Bewegung, aus Bewegung wird Klangrausch.