Gazebo Dances
Jahr: 1972
Komponist:John Corigliano
Man stelle sich einen warmen Sommerabend in einer kleinen amerikanischen Gemeinde vor: Auf dem Dorfplatz versammeln sich die Menschen, aus einem Musikpavillon erklingen die ersten Töne, und aus dem gewöhnlichen Platz wird für kurze Zeit ein Ort des Tanzes. Genau diese Atmosphäre steckt hinter dem Titel von John Coriglianos *Gazebo Dances*. Die sogenannten „Gazebos“ sind in den USA verbreitete kleine Pavillons, die häufig auf öffentlichen Plätzen stehen und für musikalische Darbietungen genutzt werden. Entstanden ist das Werk allerdings zunächst in einer ganz anderen Besetzung. Im Jahr 1972 komponierte Corigliano vier Stücke für Klavier zu vier Händen. Die einzelnen Sätze widmete er dabei Personen aus seinem persönlichen Umfeld, aus seinem Freundes- und Familienkreis. Erst später bearbeitete der Komponist die Suite selbst für Sinfonieorchester und Blasorchester und eröffnete dem Werk damit einen deutlich grösseren klanglichen Wirkungskreis. Die vier Tänze unterscheiden sich dabei deutlich voneinander und entwickeln jeweils ihren eigenen Charakter. Den Anfang macht eine lebhafte Ouvertüre, deren musikalischer Gestus an die spritzige Theatermusik Rossinis erinnert. Darauf folgt ein Walzer, der jedoch keineswegs so elegant und gleichmässig dahingleitet, wie man es von dieser Tanzform erwarten könnte. Stattdessen wirkt seine Bewegung bewusst etwas schräg und unbeholfen. Corigliano beschreibt ihn selbst mit dem humorvollen Ausdruck „peg-legged“ – also gewissermassen als einen Walzer, der hinkt. Mit dem anschliessenden Adagio verändert sich die Stimmung grundlegend. Das tänzerische Geschehen tritt in den Hintergrund und macht einer ruhigen, weit ausgesponnenen musikalischen Linie Platz. Der Satz entfaltet einen ausgedehnten lyrischen Bogen und bildet damit einen deutlichen Kontrast zu den bewegteren Teilen der Suite. Doch diese Ruhe ist nicht von Dauer: In der abschliessenden Tarantella nimmt die Musik wieder Fahrt auf. Das Tempo zieht an, die Energie steigt, und mit ihrem tänzerischen Schwung führt sie das Werk zu einem temperamentvollen Abschluss. *Gazebo Dances* verbindet auf diese Weise vertraute musikalische Formen mit einem spielerischen und manchmal augenzwinkernden Blick auf deren Konventionen. Corigliano behandelt die Tradition nicht als etwas Unantastbares, sondern nimmt bekannte Tanzformen auf, verändert sie, verschiebt ihre Erwartungen und bringt sie dadurch immer wieder aus dem gewohnten Gleichgewicht. Heitere und ernstere Momente stehen unmittelbar nebeneinander, während Vertrautes plötzlich eine unerwartete Wendung nimmt. Gerade dieses Wechselspiel macht den besonderen Reiz der Suite aus: Die musikalischen Formen sind dem Publikum vertraut, doch Corigliano lässt sie nie einfach so erklingen, wie man sie erwarten würde. Hinter scheinbar bekannten Schritten lauern kleine Überraschungen – und genau daraus